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Warum Schmerzen bleiben – Mentales Training als Hilfe bei chronischen Schmerzen

  • sonJA
  • 6. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 7. Mai



In meiner Arbeit als Physiotherapeutin und Mentaltainerin vermittle ich meinen Patient:innen ein Verständnis darüber, wie Schmerz entsteht, wie er im Nervensystem verarbeitet wird und welche Faktoren seine Intensität und Dauer beeinflussen können.

Dabei zeigt sich in der klinischen Praxis immer wieder, dass Schmerz nicht ausschließlich durch lokale strukturelle Veränderungen erklärbar ist. Vielmehr handelt es sich um ein komplexes Zusammenspiel aus Gewebe, Nervensystem, Belastungssteuerung sowie individuellen Stress- und Verarbeitungsmechanismen.

Diese Perspektive ist insbesondere bei chronischen Beschwerden relevant.


Chronische Schmerzen im Kontext von Verarbeitung und Regulation

Wenn Schmerzen über einen längeren Zeitraum bestehen bleiben, obwohl eine akute Gewebereaktion abgeklungen ist, kann dies auf eine veränderte Schmerzverarbeitung im Nervensystem hinweisen.

In solchen Fällen spielen neben körperlichen Faktoren häufig auch weitere Einflussgrößen eine Rolle, unter anderem:

  • anhaltende muskuläre oder vegetative Spannung

  • Stressbelastung und fehlende Regeneration

  • veränderte Reizverarbeitung im Nervensystem

  • schmerzbezogene Gedanken- und Verhaltensmuster

Schmerz wird dadurch nicht „eingebildet“, sondern im Nervensystem anders moduliert und verstärkt wahrgenommen.


Schmerz als Signal im System

Neben der rein körperlichen Betrachtung kann Schmerz auch als Hinweis darauf verstanden werden, dass das System insgesamt unter erhöhter Belastung steht.

Das bedeutet nicht, dass Schmerz „nur psychisch“ ist – sondern dass mehrere Ebenen gleichzeitig beteiligt sein können.

Beispiel:

Anhaltender beruflicher Stress kann zu erhöhter Grundspannung führen. Diese beeinflusst das Nervensystem und kann dazu beitragen, dass Schmerzen schneller entstehen oder intensiver wahrgenommen werden.


Mentales Training als ergänzender therapeutischer Ansatz

Mentales Training versteht sich in diesem Zusammenhang nicht als Ersatz für körperliche Therapie, sondern als ergänzender Ansatz zur Regulation des Nervensystems.

Ziel ist es, Einflussfaktoren auf die Schmerzverarbeitung bewusst zu machen und Möglichkeiten zu entwickeln, diese aktiv zu beeinflussen. Dazu gehören unter anderem:


  • Wahrnehmungs- und Achtsamkeitsschulung

  • Atem- und Regulationsstrategien

  • Umgang mit schmerzbezogenen Gedankenmustern

  • Förderung von Selbstwirksamkeit im Umgang mit Beschwerden


Beispiele aus der Praxis:


1. Aufmerksamkeitslenkung

Schmerz bindet oft automatisch die gesamte Aufmerksamkeit. Im mentalen Training üben Patient:innen, den Fokus bewusst zu erweitern.

Beispiel:

Neben dem Schmerz im Rücken wird gezielt auch auf andere Körperbereiche gelenkt – etwa den Kontakt der Füße zum Boden oder die Atmung. Dadurch kann das Nervensystem aus der „Einengung“ herausgeführt werden.


2. Reframing von Schmerzgedanken

Gedanken beeinflussen die körperliche Reaktion stärker, als vielen bewusst ist.

Beispiel:

Der Gedanke „Das wird schlimmer, wenn ich mich bewege“ wird gemeinsam überprüft und ersetzt durch: „Ich kann in kleinen, angepassten Bewegungen wieder Vertrauen aufbauen.“


3. Regulation über Atmung und Körperwahrnehmung

Bewusste Atmung kann direkt auf das Nervensystem wirken und Spannung reduzieren.

Beispiel:

Eine verlängerte Ausatmung (z. B. 4 Sekunden ein, 6 Sekunden aus) kann helfen, den Körper aus einer Stressreaktion in einen ruhigeren Zustand zu bringen.


4.Umgang mit Schmerz - Einfluss von innerem Widerstand

In der Praxis zeigt sich häufig, dass ein dauerhafter innerer Widerstand gegenüber den Beschwerden das System zusätzlich unter Spannung hält.

Gedanken wie:

"Das darf nicht sein"/

"Ich mus das wegbekommen"

können unbewusst zu mehr Anspannung führen. Ein verändeter Umgang bedeutet nicht, Beschwerden gutzuheißen - sondern sie zunächst wahrzunehmen, ohne unmittelbar in einen inneren Kampf zu gehen.


Beispiel:

Statt bei Schmerz in Gegenwehr zu gehen ("Ich darf mich jetzt nicht bewegen"), kann ein erster Schritt sein: bewusst wahrnehmen, was gerade möglich ist und darauf aufbauen.


Integration von körperlicher Therapie und mentalem Training

In der physiotherapeutischen Behandlung chronischer Beschwerden zeigt sich häufig, dass eine rein strukturelle Betrachtung nicht ausreicht.


Die Kombination aus:

  • gezielter körperlicher Therapie

  • funktioneller Belastungssteuerung

  • und mentalem Training

kann dazu beitragen, die Regulation des Nervensystems zu unterstützen und den Umgang mit Schmerz differenzierter zu gestalten.


Ziel dieser Herangehensweise ist nicht die Vermeidung von Schmerz als solchem, sondern ein besseres Verständnis der zugrunde liegenden Mechanismen sowie die Erweiterung therapeutischer Handlungsmöglichkeiten.


Verständnis ist dabei oft ein erster Schritt zur Veränderung.



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