Warum Schmerzen bleiben können – Mentales Training als ergänzender Ansatz bei chronischen Schmerzen
- sonJA
- 6. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 3 Tagen

In meiner Arbeit als Physiotherapeutin und Mentaltrainerin vermittle ich meinen Patient:innen ein Verständnis darüber, wie Schmerz entsteht, wie er im Nervensystem verarbeitet wird und welche Faktoren seine Intensität und Dauer beeinflussen können.
Bei chronischen Schmerzen lässt sich die Schmerzintensität häufig nicht allein durch lokale strukturelle Veränderungen erklären. Vielmehr handelt es sich um ein komplexes Zusammenspiel aus Gewebe, Nervensystem, Belastungssteuerung sowie individuellen Stress- und Verarbeitungsmechanismen.
Diese Perspektive ist insbesondere bei chronischen Beschwerden relevant.
Chronische Schmerzen im Kontext von Verarbeitung und Regulation
Wenn Schmerzen über einen längeren Zeitraum bestehen bleiben, obwohl eine ursprüngliche Gewebereaktion bereits abgeklungen ist, können Veränderungen in der Schmerzverarbeitung eine Rolle spielen.
Wenn Schmerzen über einen längeren Zeitraum bestehen bleiben, obwohl eine akute Gewebereaktion abgeklungen ist, kann dies auf eine veränderte Schmerzverarbeitung im Nervensystem hinweisen. In solchen Fällen spielen neben körperlichen Faktoren häufig auch weitere Einflussgrößen eine Rolle, unter anderem:
anhaltende muskuläre oder vegetative Spannung
unzureichende Erholung und Regeneration
veränderte Reizverarbeitung im Nervensystem
schmerzbezogene Gedanken- und Verhaltensmuster
Schmerz wird dadurch nicht „eingebildet“. Vielmehr kann sich die Verarbeitung und Bewertung von Schmerz im Nervensystem verändern, sodass Reize stärker oder länger als schmerzhaft wahrgenommen werden.
Schmerz als Signal im System
Neben körperlichen Faktoren können auch Belastungen wie Stress, Schlafmangel oder eine erhöhte muskuläre Anspannung die Schmerzverarbeitung beeinflussen.
Das bedeutet nicht, dass Schmerz „nur psychisch“ ist – sondern dass mehrere Ebenen gleichzeitig beteiligt sein können.
Ein Beispiel:
Anhaltender beruflicher Stress kann beispielsweise mit erhöhter muskulärer Anspannung, weniger Erholung und einer veränderten Schmerzverarbeitung einhergehen. Dadurch können bestehende Schmerzen intensiver wahrgenommen werden.
Mentales Training als ergänzender therapeutischer Ansatz
Mentales Training versteht sich in diesem Zusammenhang nicht als Ersatz für körperliche Therapie, sondern als ergänzender Ansatz, um den Umgang mit Schmerz, Stress und körperlichen Reaktionen gezielt zu beeinflussen.
Dazu gehören unter anderem:
Wahrnehmungs- und Achtsamkeitsschulung
Atem- und Regulationsstrategien
Umgang mit schmerzbezogenen Gedankenmustern
Förderung von Selbstwirksamkeit im Umgang mit Beschwerden
Mentales Training kann dabei helfen, den Umgang mit Stress, Schmerzen und belastenden Gedanken bewusster zu gestalten. Im Rahmen meines Coachings unterstütze ich Sie dabei, persönliche Zusammenhänge zu erkennen, neue Perspektiven zu entwickeln und Strategien für Ihren Alltag zu finden.
Beispiele aus der Praxis:
1. Aufmerksamkeitslenkung
Schmerz bindet oft automatisch die gesamte Aufmerksamkeit. Im mentalen Training üben Patient:innen, den Fokus bewusst zu erweitern.
Ein Beispiel:
Neben dem Schmerz im Rücken wird gezielt auch auf andere Körperbereiche gelenkt – etwa den Kontakt der Füße zum Boden oder die Atmung. Dadurch kann die Aufmerksamkeit erweitert und der Umgang mit dem Schmerz verändert werden.
2. Reframing von Schmerzgedanken
Gedanken und Erwartungen können beeinflussen, wie wir Schmerzen wahrnehmen und auf sie reagieren.
Ein Beispiel:
Der Gedanke „Das wird schlimmer, wenn ich mich bewege“ wird gemeinsam überprüft und ersetzt durch: „Ich kann in kleinen, angepassten Bewegungen wieder Vertrauen aufbauen.“
3. Regulation über Atmung und Körperwahrnehmung
Bewusste verlängerte Ausatmung (4 Sekunden ein - 6 Sekunden aus) kann dazu beitragen, körperliche Anspannung zu reduzieren und einen ruhigeren Zustand zu fördern.
4.Umgang mit Schmerz - Einfluss von innerem Widerstand
Ein dauerhafter innerer Widerstand gegenüber Schmerzen kann zusätzlichen Stress und Anspannung erzeugen. Gedanken wie:
"Das darf nicht sein."/
"Ich mus das wegbekommen."
können unbewusst zu mehr Anspannung führen. Ein verändeter Umgang bedeutet nicht, Beschwerden gutzuheißen - sondern sie zunächst wahrzunehmen, ohne unmittelbar in einen inneren Kampf zu gehen.
Beispiel:
Statt bei Schmerz in Gegenwehr zu gehen ("Ich darf mich jetzt nicht bewegen"), kann ein erster Schritt sein: bewusst wahrnehmen, was gerade möglich ist und darauf aufbauen.
Integration von körperlicher Therapie und mentalem Training
Bei chronischen Beschwerden kann eine ausschließlich strukturelle Betrachtung zu kurz greifen.
Die Kombination aus:
gezielter körperlicher Therapie
funktioneller Belastungssteuerung
und mentalem Training
kann dazu beitragen, körperliche Belastbarkeit aufzubauen, den Umgang mit Schmerzen zu verbessern und die Selbstwirksamkeit im Umgang mit Beschwerden zu stärken.
Ziel dieser Herangehensweise ist nicht, Schmerzen um jeden Preis zu vermeiden. Vielmehr geht es darum, die Zusammenhänge besser zu verstehen, eigene Einflussmöglichkeiten zu erkennen und Schritt für Schritt wieder mehr Sicherheit im Umgang mit den Beschwerden zu gewinnen.
Denn Verständnis kann ein erster Schritt zur Veränderung sein.


